Donnerstag, 10. Juni 2010

Nationalstolz?

Der Countdown läuft, die WM steht vor der Tür. Wohin man auch blickt, überall flattern einem schwarz-rot-goldene Fähnchen entgegnen. Die chinesischen Fahnenhersteller reiben sich bei soviel Patriotismus die Hände, der genervte Berufspendler auf der Autobahn möchte ausrasten, wenn er bei Tempo 130  zum zweiten mal innerhalb weniger Tage einem losgerissenen tieffliegenden Fähnchen ausweichen muss und vor Schreck beinahe das Auto in die Leitplanke setzt.

Warum muss man sein Auto mit einer Fahne verunstalten? Man stelle sich vor, Entwicklungsingenieure aller Automarken geben sich Mühe, tüfteln im Windkanal an Modellen herum, um einen möglichst geringen Windwiderstandskoeffizienten zu entwickeln, um die Fahrzeuge immer aerodynamischer zu machen. Und was macht der Deutsche? Den cw-Wert und damit seinen Spritverbrauch erhöhen und mit schwarz-rot-goldenen Wurfgeschossen seine Umwelt nerven!

Solange man damit seine Verbundenheit mit der deutschen Nationalelf ausdrücken will, finde ich das vom Prinzip her noch in Ordnung. Ich werde die Spiele mit deutscher Beteiligung natürlich auch anschauen. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass sich die spielerischen Leistungen der Mannschaft relativ unbeeindruckt von der Tatsache zeigen, dass hier Millionen für Fahnen ausgegeben werden. Oder verschießt Podolski jetzt einen Elfer, weil ich mir das Geld für ein schwarz-rot-goldenes Tuchprodukt gespart habe?

Als Ausdruck der Verbundenheit zu seiner ethnischen Gruppe lasse ich die Fahnenschwingerei ja auch noch gelten. Das Bier aus dem Plastikbecher beim Puplic Viewing schmeckt allemal besser, wenn man uniform zur breiten Masse ein schwarz-rot-goldenes Accesoir trägt. Schon jetzt drängt sich mir ein Schmunzeln auf die Lippen, wenn die Herde traditionell bei der Mannschaftsaufstellung im Chor typisch deutsche Namen wie Tasci, Cacau, Boateng, Khedira und Özil blökt.

Allerdings mehren sich schon jetzt, wie auch bereits 2006 die Stimmen, dass es doch schön sei, dass die Deutschen endlich wieder Nationalstolz zeigen. Man kann stolz darauf sein, Deutscher zu sein! Der wiedererwachende Nationalstolz tue unserem Land gut! Böse Zungen behaupten ja bereits, dass durch die WM-Euphorie die Kritik und das Interesse an den politischen Problemen ins Hintertreffen geraten werden...

Hinterfragt man aber diesen Nationalstolz genauer, bekommt man zu hören, dass Deutschland schließlich das Land der Dichter und Denker sei. Wir haben das Auto erfunden! Wir sind Exportweltmeister. Und Papst! Und seit neuestem sind wir auch noch European Song Contest! Es gäbe also jede menge Gründe, stolz auf sein Land zu sein. Außerdem wären das die Amerikaner ja auch. Und die Italiener, die Türken... Die Antwort, dass ich deren Nationalstolz ebenso als Ursache vielen Übels sehe, verwirrt dann so einige...

Ich möchte an dieser Stelle mal kurz meinen Lieblingsphilosophen zitieren:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

-Arthur Schopenhauer-


Ich für meinen Teil habe nichts gegen Deutschland. Im Gegenteil, ich bin froh und glücklich in diesem Land leben zu dürfen, in Demut danke ich dem Schicksal, dass ich nicht irgendwo in Afrika zur Welt kam. Ich fühle mich hier wohl, trotz Sparpaketen und anderem Unbill bin ich davon überzeugt, dass es uns besser geht als 90% der Weltbevölkerung. Aber wie kann ich stolz auf ein Land sein? Auf ein Konstrukt? Auf ein paar Linien auf der Landkarte? Wie kann ich stolz auf wissenschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Errungenschaften sein, zu denen ich nichts beigetragen habe? Das Land der Dichter und der Denker wäre Deutschland auch ohne mich. Und im Regelfall sicherlich auch ohne den größten Teil der nationalstolzen Deutschen... Natürlich trage ich meinen Teil zur Gesellschaft bei, aber erstens ist es mir zu philosophisch betrachtet, zu einem 84millionstel an etwas teilzuhaben, um darauf stolz sein zu können, zweitens würde ich das auch in jedem anderen Land tun.

Nationalstolz erhebt einen über andere Menschen, in dem man sich selbst und das eigene Land über andere stellt, für besser hält. Mit welchem Recht kann ich von mir behaupten, besser zu sein als ein Franzose, Italiener, Türke, Afrikaner oder Iraki? Mit keinem.

Stolz bin ich auf Dinge, die ich mit eigener Hände Arbeit geschaffen habe. Stolz auf das familiär, gesellschaftlich und beruflich erreichte. Aber bin ich stolz, Deutscher zu sein? Nein. Bevor ich Deutscher bin, bin ich in aller erster Linie ein Mensch.

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