Sonntag, 30. April 2017

FDP für Impfpflicht

Der Bundesparteitag der FDP beschließt, sich für eine Impfpflicht einzusetzen. Bravo! Doch schon werden erste Stimmen laut, ob das denn mit dem Liberalismus zu vereinen sei. Man könne doch Eltern nicht das Selbstbestimmungsrecht nehmen. Und das auch durchaus nicht nur von außerhalb, auch innerhalb der Partei vertritt eine laute, emotionale Minderheit diese Ansicht. 


Mein Kommentar FÜR eine Impfpflicht und warum das durchaus liberal ist:


Wir akzeptieren eine Gurtpflicht, Kindersitze usw. Weil es vernünftig ist und unsere Kinder schützt. Wir wollen aber zulassen, dass Eltern ihre Kinder umbringen, dass sie an Pertussis, Polio, Tetanus, Epiglottitis oder anderen vermeidbaren tödlichen Krankheiten sterben, da man nicht in das Recht der Selbstbestimmung der Eltern eingreifen will? Schlimmer noch: man soll akzeptieren, dass andere durch das Aushöhlen der Herdenimmunität gefährdet werden? Was kommt als nächstes? Wollen wir uns dafür einsetzen, dass Eltern ihre Kinder körperlich züchtigen dürfen? Eltern ermöglichen, auf medizinische Behandlungen zu verzichten, die lebensrettend sind? Sind ja ihre Kinder... 


Ich verstehe nicht, warum man aus rein ideologischen Gründen Kindswohlgefährdung zulassen möchte. Rein um des Prinzips Willen sollen Unschuldige auf dem Altar des Liberalismus geopfert, vermeidbare Todesfälle hingenommen werden. Dass Aufklärung nicht funktioniert, sieht man doch. Absolventen der YouTube-University, school of life und Verschwörungstheoretiker aller Länder wittern die böse, böse BigPharma hinter der ständigen Impfkommission, hinter dem Robert-Koch-Institut und jeder einzelnen Studie über Wirksamkeit von Impfungen. Kein Mythos übers Impfen, keine Story ist zu abstrus, um nicht von Impfgegnern gläubig aus dem Netz gesaugt zu werden. Man vertraut durchgeknallten Esoterikern, nicht aber der übergroßen Mehrheit der Mediziner. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht über eine Grippeschutzimpfung, wir reden über Polio, Diphterie, Tetanus und weitere mit absoluter oder hoher Wahrscheinlichkeit tödlich verlaufenden Krankheiten. Auch bei Masern ist die Letalität mit 1/1.000 bis 1/10.000 deutlich zu hoch, als dass das als akzeptables Restrisiko gelten kann. Und jetzt höre ich, dass man verantwortungsvolle Eltern doch nicht bevormunden kann? Bullshit! Verantwortungsvollen Eltern ist eine Impfpflicht völlig egal, sie impfen ihre Kinder! Es geht um die verantwortungslosen Eltern, die das nicht tun. Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Die Freiheit auf die Selbstbestimmung der Eltern endet bei der Gesundheit ihrer Kinder. 


Diejenigen, die uns näher kennen, kennen die Geschichte: Unser Sohn starb um ein Haar, da er sich mutmaßlich bei nichtgeimpten Kindern mit HiB infiziert hat. Bei ihm versagte die Impfung, er wäre beinahe an einer Epiglottitis jämmerlich erstickt und lag mehrere Tage intubiert und beatmet auf der Intensivstation einer Uniklinik. Der behandelnde Professor sagte, dass die nahezu ausgerottete Krankheit, bis in die 80er Todesursache Nummer 1 bei Kleinkindern, wieder auf dem Vormarsch ist. Einen so schweren Fall wie bei unserem Sohn hätte er das letzte Mal in den 80ern gesehen und damals ging das anders aus. Wir haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen. 


Aber klar: Wir sind Liberale. Wir schreiben anderen nichts vor. Wenn Unschuldige sterben: Scheißegal, weil: Wir sind liberal! 


P.S.: Mich macht dieser Beschluss - im Gegensatz zu anderen Beschlüssen - sehr stolz auf die FDP.

Samstag, 22. April 2017

AfD-Parteitag. In Köln. Genau mein Humor.

Mir wurde gestern in einer Diskussion zu diesem Thema gesagt, wir als FDP sollen uns lieber für die Meinungsfreiheit einsetzen anstatt gegen die AfD zu demonstrieren - wie es die Kölner FDP im Schulterschluss mit anderen Parteien und Organisationen macht. Ich verstehe das Argument nicht. Was ist eine Demo denn sonst, wenn nicht gelebte Meinungsfreiheit? Natürlich setze ich friedliche Demonstrationen voraus und setze die "normalen" Teilnehmer ebensowenig mit autoanzündenden linksextremen Chaoten gleich, wie ich Fußballfans mit marodierenden Ultras und Hooligans gleichsetze. 

Aber zurück zum Thema: Meinungsfreiheit ist bekanntlich keine Einbahnstraße und es steht uns gut zu Gesicht, uns gegen völkischen Nationalismus, Isolationismus, homo-, xeno- und Islamophobie zu wenden, klare Kante gegen rechtsextremen Populismus zu zeigen. Meinungsfreiheit bedeutet eben nicht, anderen nicht zu widersprechen.

Abschließend darf die Frage gestellt werden, ob die AfD, die ja nun wirklich nicht bekannt dafür ist, bei ihren Parteitagen offen für Medien zu sein, Köln bewusst und provokant mit Kalkül gewählt hat. Proteste hätte es - zum Glück - sicher überall gegeben. Im bunten Köln allerdings kann mit einer weitaus größeren Mobilisierung des Widerspruchs gerechnet werden. Kann der AfD denn etwas "besseres" als diese mediale Aufmerksamkeit passieren? 


Montag, 17. April 2017

Referendumm

Jede Demokratie hat genau die Führung, die sie verdient. 


Und ja, natürlich ist es erschreckend, wenn 63% der in Deutschland lebenden wahlberechtigten und wählenden Türken für eine Präsidialdiktatur, für die Einschränkung der Menschenrechte, für die Beschneidung der Meinungsfreiheit und für die Todesstrafe stimmen. Erschreckend, besorgniserregend und Fragen die Integration betreffend aufwerfend. Nun aber reflexartig zu fordern, dass diese 63% doch bitte direkt zurück in die Türkei sollen, zeichnet ebenfalls ein interessantes Bild über den Zustand unserer Meinungsfreiheit. Man darf das schon fordern, aber wäre das Referendum abgelehnt worden: Wäre der gleiche Ruf in Richtung feiernder "Nein-Wähler" gegangen? Vermutlich nicht. 


Übrigens: Mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken hat nicht gewählt. Ihnen ist es also weitestgehend egal, wie die Türkei regiert wird. Das relativiert die 63% dann doch deutlich. 


Welche Debatten jetzt aber unaufgeregt und ergebnisoffen geführt werden müssen, sind sicher die Themen doppelte Staatsbürgerschaft, NATO-Mitgliedschaft der Türkei, Bundeswehrsoldaten in der Türkei, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit platzende sog. "Flüchtlingsdeal" auf der einen Seite und genereller Umgang mit demagogischen Populisten und Sinn und Gefahr von Plebisziten bei Entscheidungen solcher Tragweite auf der anderen. Auch bei uns wird immer wieder der Ruf nach Volksentscheiden laut. Schlussendlich ermöglicht es einer hauchdünnen Mehrheit das Diktat über die fast ebenso große Minderheit und spaltet die Gesellschaft noch tiefer. Die Türkei steuert gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch in noch deutlich unruhigere Gewässer. Ich halte die parlamentarische Demokratie für die bessere Wahl. 


Bleibt zu hoffen, dass die Franzosen vor der bevorstehenden Wahl die richtigen Schlüsse ziehen und das türkische Referendum nicht zum Anlass nehmen, ebenfalls Populisten an die Macht bringen.

Dienstag, 4. April 2017

Er ist wieder hier

Darf man über Hitler lachen? Darf Satire alles?



Ja, durchaus. Ich habe geschmunzelt und gelacht. Schon das Buch wusste zu begeistern, der Film nimmt die großartigen Szenen des Buchs auf. Unvergessen die Szene in der NPD-Parteizentrale. Großes Kino! Dennoch ist der Film in weiten Teilen als eigenständiges Werk zu betrachten, der vor allem in der zweiten Filmhälfte immer weiter abweicht.

Bereits das Buch führte einem in beängstigender Art und Weise vor Augen, wie 1933 auch heute möglich wäre. Der Film allerdings wird im Laufe der Handlung vor allem durch den Reportagenstil deutlich unbequemer für den Zuschauer als es das Buch je sein konnte, das Lachen bleibt einem zeitweise buchstäblich im Halse stecken - und zum Ende hin gefror mir persönlich das Blut in den Adern. Wehret den Anfängen? Darüber sind wir weit hinaus... 

Die "Komödie" hinterlässt einen sehr schalen Beigeschmack und einen nachdenklichen Zuschauer. Prädikat: Buch lesens- und Film sehenswert!